Trink, Brüderlein, trink

Die Welt ist voller Trinker. Vom Schöntrinker bis zum Kampftrinker, vom Quartalssäufer bis zum Gewohnheitstrinker, vom heimlichen bis zum unheimlichen Trinker lautet die Devise: „Trink, trink, Brüderlein trink“ und „Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein braver Mann“. Doch wenn dem Rausch immer öfter ein böses Erwachen folgt, wenn sich Filmrisse und totale Blackouts häufen und das morgendliche Zittern der Hände immer krasser wird, haben Brüderlein und der brave Mann bald mehr Probleme, als ihnen lieb ist. Ich kann ein Lied davon singen…
Ich war ein sehr braver Mann. Auch ich habe mir jahrelang ein Leben ohne Alkohol nicht vorstellen können. Ich habe einfach ohne zu überlegen getrunken – mit und ohne Anlass, wenn die Sonne schien und wenn es regnete, in Gesellschaft und alleine, am Morgen und am Abend, wenn es mir gut ging und wenn es mir schlecht ging. Alkohol war mein ständiger Begleiter.
Ich bin trinkend um die Welt geflogen – nie im Vollrausch, aber auch selten ganz nüchtern. Ich habe in New York, Shanghai und Tokio, auf den Philippinen und Mauritius, in Kneipen und Kaschemmen, an der Atlantic Lobby Bar in Hamburg und in der VIP-Lounge im Flughafen von Jakarta getrunken. Und wenn ich nicht auf Reisen war, verbrachte ich meine Freizeit an der Theke oder mit Zechkumpanen am Stammtisch.
Sprüche wie „Du trinkst zu viel“ oder „Du säufst dich noch zu Tode“ prallten von mir ab. Sie kosteten mich nur ein müdes Lächeln. Es war nur Neid – Neid auf mein scheinbar sorgenfreies Leben. Denn ich kam ja mit meinem Leben und mit mir selbst ganz gut zurecht. Auch mit den weniger angenehmen Folgen einiger alkoholbedingter Ausrutscher und Fehltritte.
Ich habe geheiratet und meine erste Hochzeitsnacht halbwegs nüchtern erlebt. Die Geburt meiner Tochter habe ich, so wie es sich gehört, gebührend begossen und einen Privat-Chauffeur eingestellt, der mich von Kneipe zu Kneipe fuhr. Erst ganz allmählich fiel mir selbst auf, dass mit meinem Alkoholkonsum etwas nicht stimmen konnte.
Wenn du eines Morgens in einem fremden Hotelbett aufwachst, aus dem Fenster in eine dir völlig unbekannte Umgebung schaust, auf dem Parkplatz unter dir deinen Alfa Romeo siehst und nicht weißt, wie du nach Belgien gekommen bist, dann hast du entweder einen an der Waffel oder ein mittleres Alkoholproblem. An diesem Morgen habe ich mir endlich ernsthaft vorgenommen, nicht mehr so viel zu bechern oder ganz mit dem Trinken aufzuhören. Und ich habe mich auf Anraten eines guten Freunds zu einer Kurzzeittherapie entschlossen, ohne zu wissen, was mich dort erwartet.

Dreißig Jahre zuvor bin ich mit dem Fahrrad an diesem gelben Gebäude im unteren Teil des schönen Brohltals oft vorbeigefahren. Jetzt habe ich in der Klinik ein Einzelzimmer, halte mich an die strengen Hausregeln und nehme brav an allen Einzel- und Gruppengesprächen teil. Ich höre und lerne jede Menge über Sucht und Missbrauch, liefere brav meine Tagesberichte ab und begreife bald, dass nicht der Alkohol mein Problem ist, sondern dass ich selbst mein Problem bin. Und ich verstehe, dass nur eine Person dieses Problem lösen kann. Diese eine Person bin ich.
Nach sechs Wochen verlasse ich Bad Tönisstein mit dem Gefühl, dass ich das Ziel der Klasse – lebenslange Abstinenz – wahrscheinlich nicht erreichen werde. Und es auch nicht wirklich will. Werner, mein Therapie-Begleiter muss es auch so gesehen haben. „Rolf, mach´s gut! Du wirst bestimmt nie mehr so saufen wie früher.“
Wir lagen beide richtig. Sorry, nicht ganz! Da gab es noch einen Rückfall: Ich war der Einladung zu einem Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker gefolgt. Nach dem dritten Selbstbekenntnis „Ich heiße Peter und bin Alkoholiker“ habe ich den Saal fluchtartig verlassen und mich in der nächsten Kneipe bis zu der Halskrause zugeschüttet. Dabei ist es bis heute geblieben. Ich habe gelernt, bewusst und mit Genuss zu trinken. Alkohol war mein bester Freund – zugleich aber auch ein Despot, der mich beherrschte. Heute lautet meine Devise „Besser ohne Alkohol“ und ich versuche Menschen zu helfen, sich aus der Alkoholfalle zu befreien, so wie ich es geschafft habe.

AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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