Im Wilden Westen
Als Kind habe ich davon geträumt, wie Old Shatterhand mit Winnetou Blutsbrüderschaft zu trinken und an der Seite des stolzen Häuptlings der Apachen durch den Wilden Westen zu reiten. Jetzt bewege ich mich auf den Spuren der Helden meiner Kindheit. Aber statt mit Bärentöter oder Silberbüchse auf einem Pferderücken sitze ich am Steuer eines Mietwagens. Zusammen mit zwei fotowütigen japanischen Kollegen auf der Rücksitzbank. befinde ich mich auf einem Roadtrip quer durch Arizona, New Mexiko und Texas, zu der Open Road Tours eingeladen hat. Flug, Hotel, Mietwagen und tägliche Pressegespräche eingeschlossen.

Manches ist im Südwesten der USA ausgeprägter als anderswo in den Staaten: Die Sonne brennt heißer, die Highways sind leerer, die Geschichte und die Natur sind näher, die Hüte sind größer und die Menschen darunter traditionsbewusster. Während meine japanischen Freunde von jedem Baum und Strauch einen Schnappschuss machen wollen, genieße ich den Zauber der atemberaubenden Landschaft, in der riesige Felswände und bizarre Gesteinsformationen eine Milliarden Jahre alte Geschichte erzählen. Allen voran der sagenhafte Grand Canyon – ein Muss für jeden Touristen.
Natürlich hat auch mich der spektakuläre Ausblick in die Tiefe der gigantischen Schlucht beeindruckt, aber wirklich fasziniert hat mich das grandiose Farbenspiel an diesem Naturwunder. Ich sehe mich heute noch in der Abenddämmerung auf einer Restaurant-Terrasse sitzen und bei einem süffigen Rattlesnake Bier, original gebraut in Arizona, den ziegelrot leuchtenden Sonnenuntergang im Canyon in mich aufsaugen.

Beeindruckend auch das Indianerdorf Taos Pueblo, die vermutlich älteste, durchgängig bewohnte Siedlung in den Vereinigten Staaten – eine weitere Touristenattraktion und ein El Dorado für meine schießwütigen Japaner. Während diese mit ihren Kameras von Pueblo zu Pueblo durch das malerische Dorf rasen und Film auf Film verknipsen, sitze ich mit dem Dorfältesten vor der Lehmhütte, in der er aufgewachsen ist. Er hat wirklich erlebt, was Apachen und Kiowas, Komantschen und Hupei in den letzten 200 Jahren erlebt haben. Und das hat wenig zu tun mit Karl May und Winnetou.

Willkommen in Tombstone (deutsch: Grabstein), der Stadt von Wyatt Earp und Doc Hollyday, in der die Saloons noch aussehen wie vor 100 Jahren und wo der Mythos des Wilden Westens wie nirgendwo sonst am Leben gehalten wird. Hier kam es im Oktober des Jahres 1881 zum berühmtesten Shootout in der Historie des „Wilden Westens“.
Auch an diesem Mittag fallen Schüsse am O.K. Corral und eine Minute später liegen drei wilde Revolverhelden reglos unter der brennenden Sonne im Wüstensand. Ein echter Showdown in einer Filmkulisse, die auch Hollywood nicht besser hätte erfinden können. Okay, aber mich hat der rustikale Charme und authentische Flair des Saloons in der Allen Street mehr in seinen Bann gezogen als das Schießspektakel mit Platzpatronen.
Die abenteuerliche Reise durch den wilden Westen und die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika endet im Pool eines Hotels nahe Flagstaff. Nach Stadtrundfahrt und Besuch der Mother Road Brewing Company rutsche ich beim obligatorischen abendlichen Pressegespräch – nach dem Genuss diverser Straight Bourbon und Blended Whiskey on the Rocks – am Beckenrand aus und stürze ins Wasser. Den Tauchgang bei Sonnenuntergang habe ich unversehrt überlebt. Den Namen des Hotels habe ich vergessen. Und auch die Namen meiner Kollegen aus dem Land der aufgehenden Sonne.
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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