Der Tag der Blumentöpfe

Wir alle haben Erinnerungen an unsere Kindertage und sie werden lebendig, wenn wir Fotos von früher betrachten. Mein Kommunionsbild zeigt mich in Schwarz-Weiß mit einem schicken Anzug mit kurzer Hose, einer breiten Schirmmütze auf dem Kopf und einer großen Kerze in der Hand. Es muss wohl nach dem Weißen Sonntag entstanden sein. Denn ich schaue echt entspannt aus der Wäsche.
Die Erstkommunion ist für alle Katholiken ein bedeutendes Ereignis. Im Rheinland ist es ein Fest für die ganze Familie. Für das Kommunionkind ist es Stress ohne Ende. Der fängt schon lange vor der ersten heiligen Kommunion mit dem Beichtuntersicht an und hört erst am Tag danach auf. Da hilft auch rückblickend keine rosarote Brille oder ein Schluck Messwein. Oder glaubt wirklich jemand, dass es Spaß macht, über seine Sünden nachdenken oder in Lackschuhen durch die Gegend laufen zu müssen.
Zur Vorbereitung auf die Kommunion musste ich zuerst in den Unterricht und dann zur Beichte gehen. Na toll – und was sollte ich da beichten? Mir viel nichts ein. Nach einer schlaflosen Nacht kniete ich im Beichtstuhl und las meine Sünden von einem Zettel ab, den mir meine Großmutter mitgegeben hatte: „Ich war unartig. Ich habe gelogen. Ich habe genascht.“ Ob ich zur Buße drei Vaterunser oder ein „Ave Maria“ beten musste, weiß ich nicht mehr.
Ob an diesem Sonntag die Sonne schien, daran kann ich mich genau so wenig erinnern wie an den genauen Ablauf der Feier. Nur so viel: Die Glocken läuteten, die Kirche war brechend voll. Sitzen, Stehen, Knien war anstrengend und zog sich schier endlos hin. Dann kam der große Augenblick: Der Herr Pastor legte mir die Hostie auf die Zunge. „Großer Gott wir loben dich“, sang die Gemeinde.
Jetzt durfte endlich gefeiert werden. Klar, die Erwachsenen konnten es sich nach dem Mittagessen im Wohnzimmer bequem machen. Ich natürlich nicht. Bei jedem Klingeln hieß es raus an die Haustür. Da standen Nachbarn und Bekannte mit bunten Blumensträußen in der Hand und großen Blumentöpfen unterm Arm. „Hallo und herzlichen Glückwunsch!“ Sie alle wurden hereingebeten und zu einem Glas Bier oder Wein eingeladen, Meine Eltern spielten mit Opa Skat und ich musste zur Dankandacht.
Mal ganz ehrlich: Was fängt ein 9-jähriger mit einem Geranientopf an? Er benutzt ihn als Zielscheibe. Klar, dass sich meine Begeisterung in Grenzen hielt. Auch beim Auspacken der übrigen Geschenke, wollte keine wahre Festfreude aufkommen. Ich hatte weniger auf ein Gebetbuch oder Manschettenknöpfe spekuliert als vielmehr auf ein Fahrrad oder neue Fußballschuhe. Über den Füller von Opa und die schicke Armbanduhr von Onkel Heinz habe ich mich dann letztlich doch gefreut.
Mit der Uhr am Arm ging es gleich am nächsten Morgen wieder in die Kirche zum Gottesdienst und anschließend zurück nach Hause. Die Bratenreste vom Vortag wurden heruntergeschlungen. Meine Eltern und die buckelige Verwandtschaft verabschiedeten sich. Oma sammelte Scherben und goss die Blumen.
Ich hatte das Fest überstanden. Also raus aus den feinen Klamotten und den drückenden Lackschuhen, rein in Trikot und Fußballschuhe und nichts wie ab zum Fußballplatz. Und daran erinnere ich mich wirklich ganz genau.
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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