Im Reich der Mitte

Jahrzehnte lang war es äußerst schwierig, ja fast unmöglich als Ausländer die Volksrepublik China zu bereisen. Als erster deutscher Reiseveranstalter erhielt ich – dank der Unterstützung der chinesischen Botschaft in Bonn – aus Peking die Genehmigung, Studienreisen in die Volksrepublik China anzubieten und durchzuführen. Einzige Auflage: Es durften keine Journalisten mitreisen. Im Frühjahr 1974 starte ich – als „einer der Pioniere des deutschen China-Tourismus“, so die Presse – mit einer 25-köpfigen Reisegruppe von Frankfurt über Paris, Athen, Karachi nach Peking und betrete zum ersten Mal chinesischen Boden.
Die Menschen, die sich in den Straßen drängen, blicken neugierig auf die Fremden. Viele haben noch nie vorher einen ausländischen Touristen gesehen und außer in Peking, Shanghai und Kanton kommt es immer wieder zu einem mittleren bis großen Menschenauflauf, wenn sich eine „Langnase“ auf der Straße blicken lässt. Kein Wunder: Eine unendlich lange Zeit war China abgeschottet. Kaum ein Ausländer hatte den Weg ins Reich der Mitte gefunden, gar nicht zu reden von blonden Europäern.

Jede Chinareise in den 70er und 80er Jahren ist trotz des jeweils vorher festgelegten Reiseplans eine Odyssee: Wie lange ich mit meiner Reisegruppe in welcher Stadt weile, entscheidet sich erst vor Ort. In welchem Hotel wir übernachten, stellt sich oft erst im letzten Moment heraus – und das sind von den Russen während der 50er Jahre im Stalin-Stil erbaute Kästen oder Herbergen mit schrecklichen Sanitäranlagen und Kakerlaken an den Wänden.
Der Transport von Stadt zu Stadt erfolgt mit der Bahn in Erste-Klasse-Abteilen mit weichen Teppichböden, schweren Samtvorhängen und farbigen Spitzendeckchen. Weniger erstklassig ist die Beförderung mit den Fliegern vom Typ lljuschin 14, mit denen die chinesische Fluggesellschaft CAAC ihr Liniennetz abklappert. Die ungeheizten Busse, die bei Stadtrundfahrten oder Ausflügen in die Umgebung zur Verfügung stehen, sind so bequem wie die Ochsenkarren, die immer wieder den Weg versperren.


Eine Studienreise in die Volksrepublik China ist kein Urlaub, sondern harte Arbeit, das Programm-Angebot auf mannigfache Art ebenso interessant wie anstrengend. Voller Stolz wollen die freundlichen Kollegen und Kolleginnen vom staatlichen Reisebüro Lüxingshe nicht nur die Sehenswürdigkeiten und Kunstschätze ihres Landes zeigen, sondern auch und vor allem die Errungenschaften des neuen China.
Morgens geht es in Peking durch die Verbotene Stadt zum Kaiserpalast oder in Nanking zum Sun Yat-sen Mausoleum, am Nachmittag in einen Kindergarten oder eine Schule, in eine Fabrik, in ein Krankenhaus oder eine Volkskommune – immer mit ausgiebiger Führung und anschließender Diskussion. Am Abend steht dann noch Kultur auf dem Programm: Folklore, Zirkus oder Peking-Oper. Zum Schluss dann noch ganz privat auf dem Hotelzimmer ein Bier oder ein Schnaps, bevor das Licht ausgeht.
Ja, es war Pioniergeist und Abenteuerlust gefragt, um Reisen in ein auch mir bis dahin unbekanntes und fremdes zu veranstalten und zu begleiten. Ob in Peking oder Shanghai, ob auf der Zugfahrt von Xian nach Luoyang oder der Bootsfahrt auf dem Li-Fluss, ob im Bus zur Großen Mauer oder im Flieger nach Urumqi – in jenen Jahren bedeutete eine Reise durch China Abenteuer und Entdeckungsfreude, Konfrontation und menschliche Begegnungen.


Heute dreht sich in Peking, Shanghai, Nanking oder Wuhan kein Chinese mehr nach einer „Langnase“ um. Damals konnte noch niemand ahnen, wie schnell das Reich der Mitte aus der totalen Abschottung zum Global Player aufsteigen und sich einen gewichtigen Platz in der Weltwirtschaft erobern würde. Auch ich habe mir selbst in den kühnsten Visionen die rasante Entwicklung dieses geheimnisvolle Riesenreiches vom Entwicklungsland zur Weltmacht nicht vorstellen können. Fernsehberichte und Bilder aus dem modernen China mit seinen Wolkenkratzern und Highways lösen bei mir neben Respekt auch immer eine kleine Portion Nostalgie und Wehmut aus. Fortschritt hat nun einmal immer und überall einen Preis.
Was ist geblieben? Bilder vom Kaiserpalast und der Großen Mauer, von ländlichen Volkskommunen und wuchtigen Stahlkombinaten, von der gigantischen Brücke in Nanking und von. Ming-Gräbern. Impressionen von riesigen Reisfeldern und vom lebhaften Bund in Shanghai, von den Dschunken mit ihren braunroten Segeln auf dem Gelben Fluss und der verzaubernden Traumlandschaft bei Kweilin
Vor allem aber sind es Ereignisse und Begegnungen, Menschen und Augenblicke: Der Besuch der Peking Oper. Die Nacht unter dem Moskito-Netz. Die Tai-Chi-Übungen auf der Straße. Der Einkauf im Freundschaftsladen. Die Zubereitung einer Peking-Ente. Die junge chinesische Dolmetscherin, die auf dem Boot die Loreley besingt. Der alte Mann im Krankenhaus, der mit aufgemeißeltem Schädel auf dem Operationstisch schmerzvoll lächelt. Das Fußballspiel vor begeisterten Zuschauern, die um so lauter jubeln, je höher der Ball übers Tor gedroschen wird.
Augenblicke … irgendwo in China ….
… Beiderseits der Straße stehen Weidenbäume. Jedes Stück Land scheint hier kultiviert zu sein. Männer und Frauen arbeiten auf dem Feld oder transportieren auf dem Fahrrad ihren Freund oder Gemüse. Lachende Kinder spielen auf der Straße.
… In der Halle des Volkes am Tian´anmen-Platz spaziere ich am Leichnam Mao Tse-tung´s vorbei. Um mich ernste Gesichter und erstaunte Blicke. Mein Blick geht zur offenen Bahre – der Große Vorsitzende sieht aus wie ein liegender Buddha in einem gläsernen Sarg.
… Am Rand des künstlichen Sees sitzen Familien auf Steinen, Brückengeländern und den Balustraden des überdachten Wandelgangs. Kinder mit bunten Luftballons in den Händen und Schleifen im Haar.
… Unsere Dolmetscherin Djang Fe ist 27 Jahre alt, hat in Kanton studiert und zwei Jahre auf dem Land gearbeitet. Sie lacht immer, spricht hervorragend Deutsch und stimmt bei einer nächtlichen Bootsfahrt auf dem Li-Fluss plötzlich das Loreley-Lied an: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“.
… An den grauen Mauern der Landwirtschafts-Kommune prangen Schriftzeichen und rote Banner. Vor die mit Ziegelsteinen oder Baumwolle beladenen Karren sind Ochsen, Pferde und Kamele gespannt. Oft werden sie auch von Menschen, darunter viele Frauen, gezogen.
… Die Sitze im Sonderwagen-Abteil sind mit Spitzendeckchen geschmückt. Auf dem Tisch ebenfalls Deckchen und darauf vier Teetassen. Der Ventilator summt laut und aus einem Lautsprecher tönt Musik wie Katzenjammer.. Am Abend gibt es im Speisewagen ein opulentes Mahl – Salate, Gemüse, Krabben, Fleisch und Suppe,
.,. Seit Generationen wird in China Reis angebaut. Hier im Süden werden die Reisfelder aus künstlich angelegten Teichen bewässert. Wasserbüffel ziehen den Pflug – dahinter die Männer und Frauen mit ihren großen Tellerhüten.
… Ich höre Schüsse und sehe auf einer Wiese am Ufer des Flusses uniformierte Mädchen und Frauen mit Gewehren und umgeschnallten Munitionsgürteln – ein Trupp der Volksmiliz bei Schießübungen. Auf dem Fluss ein großer Dampfer, kleine Hausboote und Dschunken. Und von irgendwoher Klänge einer Peking Oper.
… Auf der Bühne ein 7-jähriger Knirps mit einer chinesischen Geige. Er entlockt dem zweisaitigen Streichinstrument mit Finger und Bogen leise bis schrille Töne. Ein bittersüßes Jammern. Am Ende der Vorstellung hebt er lässig die Hand und verbeugt sich artig.
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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