Fisch und Füchse
Gestern spazierte ich wieder einmal durch Poppelsdorf. Vor einem Haus auf der Meckenheimer Allee machte ich Halt. Zwei junge Männer stiegen gerade die Eingangstreppe hinauf und verschwanden durch die gläserne Eingangstür einer alten Villa aus der Gründerzeit. Ich sah ihnen nach, bis die Tür sich hinter ihnen schloss. Ich kannte dieses Haus. Es war das Ripuarenhaus, das Verbindungshaus der Studentenvereinigung, in der ich für eine kurze Zeit aktiv war.

Ich hatte mich gerade an der Uni Bonn zum Jurastudium einschreiben lassen und war von einem Kommilitonen zu einem Besuch in seiner Verbindung eingeladen worden. Null Ahnung, was mich dort erwartete. Ich wusste nur, dass Burschenschaften oder Verbindungen elitäre Vereine von saufenden Studenten sind, die sich gegenseitig die Fresse polieren. Da aber der Typ, der mich angesprochen hatte, einen relativ normalen, ja sogar sympathischen Eindruck machte und auch keine Narbe im Gesicht trug, trieb mich die angeborene Neugier eines Fisches dazu, der Einladung zu folgen und mir den Laden einmal anzusehen.
Was ich vorfand, war eine Gruppe von jüngeren und älteren Semestern, die sich auf den ersten Blick nicht von den Mitgliedern eines Fußballvereins unterschieden – nur dass sie die Farben und das Logo ihres Clubs nicht auf Schals oder Mützen trugen, sondern auf über dem Hemd gekreuzten Bändern. Und dass sie zu vorgerückter Stunde – statt die Vereinshymne zu grölen – „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein…“anstimmten.
„Einer für alle, alle für einen“ lautete der Wahlspruch der Ripuaria Bonn, die statt Kämpfen und Saufen als Grundprinzipien Freundschaft, Wissenschaft und Glauben auf ihre Fahnen geschrieben hat. Obwohl ich noch skeptisch war, ließ ich mich überreden, als Fuchs diesem nichtschlagenden katholischen Verein probeweise beizutreten.
Fisch und Fuchs, das hätte vielleicht gut gehen können, wäre da nicht jener Tag in den Semesterferien gekommen, an dem ich auserwählt war, als Aushilfs-Charge einem mir unbekannten Alten Herrn die letzte Ehre zu erweisen. Zusammen mit zwei Bundesbrüdern machte ich mich auf den Weg nach Bernkastel-Kues. An der Mosel angekommen wurden wir zuerst einmal freundlich von einer gut gelaunten Trauergesellschaft begrüßt und zu einem Glas Riesling aus eigenem Anbau eingeladen, bevor es nach einer Stunde zum Friedhof ging.
So stand ich dann als Fahnenträger in Vollwichs – also in Uniform mit Cerevis (schräg getragene Kopfbedeckung), Schärpe, Handschuhen und Gamaschen – am Grab des Verstorbenen, die Verbindungsfahne bei Fuß. Die Sonne brannte mir ins Gesicht und mir wurde heiß unter der schweren Jacke, während der Pastor ein paar Geleitworte sprach. Dann wurde der Sarg ins Grab hinabgelassen. Der Herr Pastor warf noch eine Handvoll Sand auf den Sarg – „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ – und trat zur Seite.
Ich betete zusammen mit allen Anwesenden das Vaterunser und spürte, wie mir der Schweiß aus allen Poren rann. Jetzt war mein Auftritt. Ich näherte mich dem Grab, um als letzten Gruß die Fahne auf den Sarg zu senken, stolperte und verlor nicht nur das Gleichgewicht sonder auch die Kontrolle über die schwere Fahne. Die glitt mir aus der Hand, segelte in die Grube, landete auf dem Sarg – und ich hinterher.
Ein letzter Gruß mit Folgen: Unabhängig davon, ob der Stolperer auf die Hitze, die Schwere der Fahne oder die Wirkung des Mosel-Riesling zurückzuführen war, war es für mich ein Grund am nächsten Tag aus der Verbindung auszutreten. Ein leichter Entschluss. Denn obwohl es mir Spaß gemacht hatte, mit den Bundesbrüdern ein Glas Bier oder auch mehr zu trinken, wirkten das Zeremoniell und die Rituale irgendwie aus der Zeit gefallen. Es fiel mir schwer, die nicht nur bei einer „Kneipe“ herrschend Zwänge der Verbindung zu akzeptieren. Ich konnte mir nicht vorstellen, einen Teil meines Lebens einem Verein wie diesem zu verpflichten. Einfach falsch verbunden!
Vielleicht habe ich damals die Chance auf ein abgeschlossenes Studium und eine von „Alten Herren“ geförderte Karriere in Wirtschaft, Wissenschaft oder Verwaltung in den Wind geschrieben. Doch ich habe diese Entscheidung keinen Tag bereut. Fisch und Fuchs – die passen einfach nicht zusammen.
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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