Glück im Unglück
Kleine Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit, heißt es im Rheinland Und sie haben immer Glück. Na dann! Im zarten Alter von fünf Jahren bin ich beim Überqueren der B9 von der Kühlerhaube eines Mercedes erfasst worden, darunter verschwunden und nach einhundert Metern hinter dem Heck wieder aufgetaucht. Meine ersten Worte nach dem Erwachen aus dem Koma im Krankenhaus: „Ich bin nicht schuld.“
Dass ich fast unversehrt überlebt hatte, erschien allen Augenzeugen und auch den Ärzten im Krankenhaus wie ein Wunder. Meine Eltern, die ich sonst nur an hohen Feiertagen sah, sprachen von Glück im Unglück. Meine Großmutter – Gott habe sie selig – hielt es bis zu ihrem Tod für eine Strafe Gottes, weil ich nicht, wie versprochen, in der Maiandacht sondern auf dem Weg zum Fußballplatz war.
Ohne triftigen Grund die Messe oder Andacht zu schwänzen, war eine Sünde, die Gott sofort bestrafte. Oma war streng katholisch, so wie alles in meiner Kindheit am Rhein. Ja, sogar der majestätische Fluss selbst, auf dem ich ein Jahr später mit der ganzen Dorfpfarrei nach Kamp-Bornhofen pilgern musste. Ob als Buße für meine Sünden oder aus Dankbarkeit für das Wunder, weiß ich nicht mehr so genau.
Ich selbst glaube nicht, dass mein Zusammentreffen mit dem Straßenkreuzer eine Strafe Gottes war. Auch nicht, dass mein Überleben ein Wunder war. Nein – ich weiß: Die Würfel Gottes oder wie wir es auch immer nennen mögen, fallen immer richtig.
Unfälle und andere Katastrophen gehören zum Leben. Wir haben die Fähigkeit und die Kraft, sie zu überleben und das Beste daraus zu machen. Wie sonst hätte ich diesen Unfall und bis heute alle Höhen und Tiefen des Lebens, drei Ehen und unzählige Seitensprünge, Flüge rund um die Welt und Notlandungen, Millionenumsätze und Konkurse, Alkohol und Nikotin, Darmoperationen und Hautkrebs überlebt? In jedem Unglück steckt auch immer ein Funken Glück. Und ich bin ein Glücksfisch.

AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.