Strünzer und Siebenschläfer
Einer der wenigen Sätze aus dem Lateinunterricht, die ich mir über all die Jahre gemerkt habe, lautet „Ubi bene, ibi patria.“ Wo ich mich wohlfühle, ist mein Vaterland, meine Heimat, mein Zuhause. „Herzlich Willkommen in der Bunten Stadt am Rhein“, so heißt es auf der Homepage des Ortes, in dem ich mein neues Zuhause gefunden habe.



Hier fühle ich mich seit nunmehr sieben Jahren wohl und geborgen. Vater Rhein und die Altstadt mit ihren historischen Gebäuden, verträumte Winkel und stille Gassen, malerische Plätze und urgemütliche Gaststätten, Fachgeschäfte, Einkaufscenter, Supermarkt und für den Fall der Fälle ein Ärztehaus – alles in unmittelbarer Nähe. Mensch, was brauchst du mehr?
Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag im Herbst und ich sitze bei einem kühlen Hefeweizen vor dem Restaurant am Strünzerbrunnen im Schatten des im Jahre 1320 erbauten Rheintors. Und während ich noch überlege, wieso die Linzer eigentlich „Strünzer“ genannt werden, obwohl ich hier bisher weniger Aufschneider getroffen habe als in so manch anderen Stadt, taucht plötzlich ein uniformierter Stadtsoldat auf.
Verwundert reibe ich mir die Augen. Nicht am Rhein und auch nicht in Rio de Janeiro ist im September Karneval. Ich erfahre, dass der wackere Soldat in „Rut-Wiess“ (für Nicht-Rheinländer „Rot-Weiss) am Tor die Besucher der Stadt begrüßt. Und mir fällt prompt die Geschichte der Bäckerjungen ein, die ich zum ersten Mal als junger Gymnasiast am Kurfürst-Salentin-Gymnasium in Andernach am Rhein gehört habe.
Die Linzer hatten eine Stinkwut auf die eigentlich befreundeten Andernacher, die eigenmächtig die lukrative Zollgrenze zu ihren Gunsten verlegt hatten. Sie wussten, dass die Andernacher abends gerne und lange feierten und morgens nicht aus den Federn kamen. In der Nacht wollten sie daher die „Siebenschläfer“ überrumpeln und machten sich so zwischen Tag und Dunkel auf den Weg rheinaufwärts.
Was machten die Andernacher? Die schliefen wie immer tief und fest – einschließlich der Torwachen. Nur zwei aufgeweckte Bäckerjungen, die im Morgennebel Brötchen ausfuhren, waren hellwach und wurden durch Waffengeklirr, Stiefelschritte und das Heranrollen eines Rammbocks vor dem Rheintor hellhörig. Und sie hatten eine geniale Idee. Sie wussten, dass direkt neben dem Tor jede Menge Bienenkörbe standen, schnappten sich diese und bewarfen damit die unter dem Tor stehenden Angreifer.
Die Linzer waren jetzt nur noch mit sich selbst und mit den in ihrer Nachtruhe gestörten und wild um sich stechenden Bienenvölker beschäftigt. Sie schlugen um sich und machten einen solchen Krach, dass die Torwächter aufwachten und den Kameraden aus Linz nichts anders übrigblieb als unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Die „Siebenschläfer“ haben ihre Retter am Rheintor verewigt und ihnen auf dem Marktplatz ein Denkmal errichtet. Die „Strünzer“ sind nie wieder in feindlicher Absicht über den Rhein gezogen.
Heute begrüßt die Stadt Linz ihre Gäste aus Andernach und dem Rest der Welt mit einem herzlichen Willkommen und einem ehrlichen „Wohl bekomm’s!“. Nicht nur deshalb fühle ich mich – trotz aller alten Liebe zu Siebenschläfern, Bäckerjungen und Bienen – jetzt in der „Bunten Stadt am Rhein“ rundum wohl und „Zuhause“. Und aus Dankbarkeit habe ich eine eigene Hymne auf die bunte Stadt geschrieben. die ich gerne hier und jetzt mit der Welt teile.



AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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