Bis zu meinem 15. Geburtstag habe ich meine Mutter fast nur zu Weihnachten gesehen, sie auch nicht vermisst. Sie hat meine Großeltern finanziell unterstützt und dafür gesorgt, dass es mir gut geht. Später habe ich sie für ihre Stärke bewundert, mit der sie nicht nur die Marotten und Seitensprünge meines Vaters sondern auch meine alkoholischen Ausrutscher ertragen hat. Heute weiß ich, wie groß ihr Herz war und welche Kraft es sie gekostet haben muss, immer für mich da zu sein, wenn ich sie brauchte – besonders dann, wenn ich wieder einmal Mist gebaut hatte und in der Scheiße saß.

Vier Wochen vor ihrem Tod hatte ich sie nach einem Schlaganfall ins St. Johannes Hospital gebracht. Doch mit zunehmender Demenz – ich war so ziemlich der einzige Mensch, den sie noch erkannte – waren dort die Ärzte und das Pflegepersonal überfordert, zumal sie jeden Pfleger und jede Krankenschwester als Halunken bezeichnete oder Diebin beschimpfte. So wurde sie auf meinen Wunsch in die Rheinische Landesklinik verlegt.

Doch ihr Zustand verbesserte sich auch in der psychiatrischen Klinik nicht. Im Gegenteil: Die Ärzte gaben sie auf und eine Nachtschwester sagte mir, dass es langsam zu Ende gehe. Einen Tag darauf erhielt ich die Nachricht, dass meine Mutter im Sterben liege. Auf der geschützten Station für besonders schwer Erkrankte empfing mich eine Schwester, die wohl in Sterbebegleitung ausgebildet war, und führte mich zum Sterbezimmer.

Ich erinnere mich an den Moment, an dem meine Mutter gestorben ist, als wäre es gestern gewesen: Die Rollos im Zimmer sind halb heruntergelassen, ein Stuhl rechts und ein Stuhl links vom Bett, auf dem kleinen Nachttisch Spritzen, Papiertücher und eine Kerze. Ich setze mich auf den Rand des Bettes und begrüße Mama. Keine Antwort. Ich spreche mit ihr. Keine Reaktion. Ich erzähle ihr von meinen letzten Erfolgen und meinen neuen Ideen. Kein Lächeln.

Mama scheint tief und fest zu schlafen. Dann öffnet sie plötzlich die Augen, sieht mich an und greift nach meiner Hand. Ein leichter Druck. Ein Seufzer wie ein letzter Gruß. Ihre Brust hebt und senkt sich. Ein paar Sekunden – oder sind es Minuten – später ist alles still. Meine Mutter atmet nicht mehr. Ich streiche über ihre noch warme Hand. Eine Schwester kommt und drückt ihr die Augen zu. Ich stehe auf, verlasse das Zimmer, gehe in den Park, rauche eine Zigarette und sage „Danke, Mama“.

AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR