Vorsicht, Mao Tai!

Bier und Schnaps gehören zu China wie Brot und Wein zum katholischen Rheinland. Und Chinesen trinken viel. Sehr viel und zu jeder Gelegenheit. Privat und geschäftlich. Zu jedem Essen gehört auch Trinken. Ein Dinner mit Geschäftsfreunden ohne Alkohol geht gar nicht.
Die Gläser müssen randvoll sein. Nachtgeschenk wird ohne Ende. Zugetrunken wird immer und alle am Tisch stoßen mindestens einmal miteinander an. So wird aus einer offiziellen Einladung eine feuchtfröhliche Veranstaltung, bei der Trinkfestigkeit gefragt ist. Gründe zum Anstoßen gibt es ohne Ende: Auf die Gesundheit, ein langes Leben, Glück, Reichtum oder die deutsch-chinesische Freundschaft.
So weit so gut. Wäre da nicht ein Getränk, das aus kleinen Gläsern in einem Zug herunter gekippt schon Richard Nixon bei seinem Besuch in Peking fast umgebracht hätte. Dieser teuflische „Weiße Wein“ mit Namen „Mao Tai“ ist so etwas wie das Nationalgetränk der Chinesen – ein aus roter Hirse und Weizen gebrannter hochprozentiger Schnaps. Mit 70 Vol-% enthält er fast so viel Alkohol wie Klosterfrau Melissengeist. Das Teufelszeug schmeckt aber noch widriger als die flüssige Medizin, die meine Großmutter allabendlich in sich hineingelöffelt hat. Jeder Schluck dieses Gesöffs zerschneidet wie eine scharfe Rasierklinge die Kehle.
Da es ausgesprochen unhöflich ist, ein Getränk abzulehnen, habe ich verschiedene Methoden entwickelt, der Mao-Tai-Falle zu entkommen. Die wichtigste Regel dabei ist, sich nicht erwischen zu lassen. So bin ich im Land der Mitte zum heimlichen Weltmeister in der Disziplin Ausspucken und Wegschütten gereift – egal ob in den Spucknapf oder in den Blumenkübel, ins Taschentuch oder auf den Teppich.
Auf Grund meiner antrainierten extrem hohen Alkoholtoleranz, aber nicht zuletzt auch dank dieser neu erlernten Technik hat auch mich dieses tödliche Schmiermittel der Freundschaft nicht umgebracht. Aber je nach Zahl und Trinkfestigkeit meiner chinesischen Freunde bin ich mehr als nur einmal nach einem ausgedehnten Abendmahl auf allen Vieren in mein Bett gekrochen.
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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