Ein Fisch in der Eifel

Das Leben ist kein Ponyhof. Der Verlag steht kurz vor dem Konkurs. Meine Wohnung gehört der Bank und ich bin auf der Suche nach einer bezahlbaren Bleibe mitten in der Pampa aufgeschlagen – dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Seit einem Jahr wohne ich in einem alten Bauernhaus in einem 100-Seelen-Dorf in der Eifel.
Durch das Tor zur Straße gelangt man in den Innenhof, um den sich Wohngebäude, ein Pferdestall und eine Scheune gruppieren. Elke, die den hinter einer weiß getünchten Fachwerkfassade versteckten ehemaligen Bauernhof gepachtet hat, wohnt im Haupthaus. Ich hause im Anbau mit Blick auf Scheune und Stall, in dem ein Hengst mit den Hufen scharrt und eine Stute wiehert.
Als Kind habe ich es nicht gewagt, mich einem dieser wiehernden Tiere zu nähern. Na ja, vielleicht weil ich kein Mädchen bin. Alle Mädchen, die ich kannte, liebten diese Ungeheuer. Ich verstand nie wieso. Und ich verstehe auch heute noch nicht, weshalb die meisten Frauen, die ich kenne, Pferde lieben. Nun gut, es mögen kluge Tiere sein Es mag auch Spaß machen, sie zu streicheln oder zu füttern. Und sie sollen auch treuer sein als so mancher Mann. Kann ich nicht beurteilen. Ich war noch nie in einen Hengst oder in eine Stute verliebt.

Mein 14-jähriger Sohn, der mich immer am Wochenende besucht, hat sich auch nicht in Ella verliebt. Aber es macht ihm Spaß, die graue Stute zu putzen und zu striegeln, auf ihr durch den Wald zu zuckeln oder über Felder und Wiesen zu galoppieren. Und Vater trabt auf Schusters Rappen brav hinterher. Noch mehr Spaß machen dem Sprössling die Fahrstunden in Papas Auto auf einem einsamen Parkplatz im Wald. Bereits nach wenigen Versuchen hat er gelernt, meinen alten Opel Corsa zu starten, in Bewegung zu setzen und die richtigen Gänge einzulegen. So drücke ich ihm jetzt nur noch die Schlüssel in die Hand und harre geduldig eine halbe Stunde auf einer Bank aus, während mein hoffnungsvoller Held fröhlich seine Runden dreht.
In der Eifel sind nicht nur die Nächte kälter, auch die Wege sind weiter, egal ob zum Zigarettenautomaten, zum Supermarkt, zum Bäcker oder zur Kneipe. Heute ist Samstag und wir machen uns auf Schusters Rappen auf den Weg zur Sky Sportbar im Nachbarort. Nach sechs Kilometern durch Wald und Flur sind wir am Ziel. Hier kann ich im „Berger Hof“ bei einem Glas Bier die Spiele und Tore der Bundesliga live und in Farbe miterleben, während mein Mini begeistert Pfeile auf eine runde Scheibe wirft und auch zielsicher in die Mitte trifft. Auf dem Rückweg zum Pferdestall in der Pampa leuchten seine Augen im Dunkeln.
Ich schaue zu den Sternen am Eifelhimmel. Sie strahlen mich an, aber verraten nicht, dass ich schon bald nach Berg ziehen werde. Ich werde neue Freunde finden, eine Fußballmannschaft zusammenstellen, den „Berger Hof“ übernehmen und das ganze Dorf zur Eröffnung einladen. Mein Leben ist und war schon immer ein Ponyhof.
Ein Fisch in der Eifel (Teil 2) >
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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