Ein Zug geht noch

So lange ich denken kann, rauche ich. Dabei war mein erster heimlicher Versuch kläglich gescheitert. Noch heute wird mir schlecht, wenn ich nur daran denke. Den Verlockungen von Opas selbst geschnittenen und auf dem Speicher getrockneten Tabakblättern bin ich nie mehr erlegen. Nicht nur des Gestanks wegen – mir war drei Trage kotzübel. Ich habe mir geschworen, nie mehr zu rauchen.
Doch da gab es noch die gleichaltrigen Freunde, die jeden nicht für voll nahmen, der noch nie an einer Fluppe gezogen hatte. Das war fast so schlimm wie noch nicht auf einer Bank am Rhein die Pimmelgröße verglichen und um die Wette onaniert zu haben. Nur noch schlimmer war, evangelisch zu sein oder rote Haare zu haben.
Alle pafften, egal ob sie es vertragen konnten oder ob es ihnen schwarz vor Augen wurde – so wie mir nach dem ersten Zug an einer „Tula“. Die gab´s im Fünferpack aus dem Automaten für drei Groschen. Ja, das waren noch Zeiten! Fortan setzte ich mein spärliches Taschengeld hin und wieder statt in Salmiakpastillen in Kippen um – nicht, weil sie besser als der Bärendreck schmeckten, sondern nur um zu imponieren und nicht als „Lehrerkind“ abgestempelt zu werden, das von einem anderen Stern kommt.
Dann fand meine Großmutter ein Päckchen in meiner Jackentasche. Ich bekam drei Tage Stubenarrest und schwor bei allen Engeln und Heiligen – und ganz besonders bei der heiligen Maria Magdalena, der Namenspatronin meiner Großmutter – nie mehr im Leben auch nur eine Zigarette anzufassen. Halleluja!
Na ja, Kinderschwüre. Mit 15 oder 16 Jahren griff ich wieder zum Glimmstängel War es Leichtsinn oder wollte ich nur vermeiden, erneut in Gefahr zu laufen, als Außenseiter bei meinen Kumpels zu gelten? Wollte ich es meinen Eltern und allen Erwachsenen gleichtun, die wie die Schlote qualmten? Haben mich die Werbesprüche von Stuyvesant & Co. beeinflusst oder wollte ich mich wie der Marlboro Cowboy fühlen?
Es war wohl eine Mischung aus allem: Das Bedürfnis nach Anerkennung und einem coolen Image. Der Wunsch nach Freiheit und die Sehnsucht nach Abenteuer. Die Vorstellung, dass Rauchen ein Zeichen von Lässigkeit und Erwachsensein ist. Und dass es auf das andere Geschlecht echt sexy wirkt.
Seither bin ich passionierter Raucher. Nur zwischenzeitlich bin ich einmal kurz von den Sargnägeln auf E-Zigarette und duftende Liquids mit und ohne Nikotin umgestiegen. Mein nichtrauchender Sohn wollte mich vom Weg ins Grab durch Lungenkrebs oder COPD aufhalten. „Papa, bei dir stinkt es.“ Doch das Experiment ist schnell gescheitert. Warum?
Klar: Der Duft des Dampfes ist angenehmer als der Gestank von brennenden Papierstäbchen und kalter Asche. Auch die Chancen, länger und – zumindest aus medizinischer Sicht – gesünder zu leben, mögen höher sein. Doch zum einen ist längst noch nicht sicher, dass Dampfen wirklich gesünder ist als Qualmen. Zum anderen ist eine elektronische Zigarette oder ein tragbarer Vaporizer für einen echten Raucher ebenso wenig eine Alternative wie Apfelsaft oder alkoholfreies Bier für einen gestandenen Trinker. Der Hauptgrund aber ist: Rauchen ist nicht nur Genuss, sondern fast immer auch Sucht.
Rauchen bedeutet Himmel und Hölle zugleich. Lust und Schmerz liegen in jedem Zug an einer Zigarette dicht beieinander. Rauchen kann Stress sein, aber auch Entspannung. Es ist Inhalation und Halluzination. In manchen Momenten fühle ich mich wie ein junger Gott, in anderen wie ein kranker Greis. Manchmal genieße ich jeden Zug. Manchmal schmeckt mir die Kippe nicht einmal und ich rauche trotzdem weiter. So werde ich auch heute den Tag mit einer letzten Zigarette beschließen. Noch ein tiefer Zug und dann „Gute Nacht, Freunde!“.
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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