Väter können Helden sein, kompliziert, abweisend – oder alles zusammen. Für manche Kinder ist der Vater der Fels in der Brandung, für mich war er immer nur der Typ, den meine Mutter geheiratet hatte. Ein mehr oder weniger Fremder, von dem ich nicht einmal wusste, was er machte.

Bonn 1957: Mein Großvater ist vor einem Jahr gestorben, Großmutter liegt sterbend im Krankenhaus und ich wohne jetzt bei den Eltern in Bonn. Mutter arbeitet bei der Bahn. Vater ist ständig unterwegs. Ich bin allein und alles ist neu: die Stadt, die Schule, die Straße, das Haus und die Menschen darin.

Meine Eltern kampieren in einer abbruchreifen Villa, die über 100 Jahr alt sein muss und auch so riecht. Im Treppenhaus hängen die Tapeten von den Wänden und in der von allen Mitbewohnern gemeinsam genutzten Küche stinkt es genauso wie auf der Toilette im Treppenhaus.

Unser Domizil ist ein spärlich möbliertes Zimmer – durch einen Vorhang geteilt in Wohn- und Schlafraum. Meine Eltern schlafen hinter dem Vorhang im breiten Ehebett, ich unter dem Fenster auf einem zum Bett umfunktionierten Sofa. Die erste Nacht verbringe ich schlaflos – die Gedanken an meine Großmutter im Kopf und den Geruch der frischen Erdbeeren aus dem Garten meines Großvaters in der Nase.

„Was macht dein Vater?“ fragt Dr. Görtner vor der versammelten Klasse 8 A (die damals noch Untertertia hieß) am Beethoven-Gymnasium. Meine Antwort: „Nichts.“ Ein Lächeln beim Klassenlehrer. Amüsierte bis verständnislose Blicke in der Runde meiner zukünftigen Klassenkameraden. Deren Väter sind Zahnarzt, Professor, Vorstandsvorsitzender und Ministerialdirigent.

Was hätte ich antworten sollen? Ich wusste nicht, was mein Vater machte. Ich kannte ich nicht einmal richtig. Er war einfach nur da und auch nicht da. Für mich war er eigentlich nie da – nicht in meiner Kindheit, nicht während meiner Schulzeit und auch später nicht.

Was macht dein Vater?“ Ich weiß nicht mehr, wie oft ich noch diese Frage mit „Nichts“ beantwortet habe. Ich erinnere mich aber genau daran, wie mich die Klassenkameraden zunächst wie einen Außerirdischen behandelten und dass ich keinen von ihnen jemals zu mir nach Hause eingeladen habe.

An die Zeit bis zum Abitur denke ich dennoch gerne zurück. Schule und Lernen hat mir Spaß gemacht. Na ja, bis auf Mathe, Chemie und Physik. Ich war einer der Jüngsten in der Klasse und irgendwie habe ich es genossen. Vor allem, dass mich bald niemand mehr gefragt hat: „Was macht eigentlich dein Vater?“

Die wenigen Momente, in denen ich das Gefühl hatte, einen Vater zu haben, sind an einer Hand abzuzählen: Die Woche, die ich gemeinsam mit ihm einen Urlaub in Frankreich verbringe. Der Tag, an dem er mich nach meiner Blinddarm-Operation im Krankenhaus besucht. Die Minute, in der ich die Nachricht erhalte, dass er gestorben ist.

Heute wäre mein Vater 100 Jahre alt geworden. Ich betrachte sein Foto: Silberlocken, braune Augen, Schnurrbart und Seidenschal. Die „Reval“ zwischen den Fingern und der Blick ins Nirgendwo. Ich suche nach Gefühlen. Ich finde nichts.

AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR