Vom Silberblick zum Katarakt
Die meisten Fische sind von Natur aus kurzsichtig. Sie sehen nur bis zu einem Meter entfernte Objekte scharf. Kommt mir bekannt vor. Ich sehe von Geburt an mit dem linken Auge nur knapp einen Meter weit scharf und den Rest sehr verschwommen. Als Kind hat mich das nicht gestört. Ich war, Gott sei Dank, nicht ganz blind und konnte mit dem gesunden Auge alles sehen, was ich wollte. Manchmal auch das, was ich besser nicht sollte. Ich fand es auch nicht besonders schlimm, dass meine Augen in unterschiedliche Richtungen unterwegs waren, Um so mehr irritierte und störte mein Silberblick die Erwachsenen um mich.
Zur Lösung des Problems bastelte meine Oma auf ihrer Nähmaschine aus Baumwolle und Gummiband eine Augenklappe. Die sollte ich über das gesunde Auge ziehen. Cool. Ja, am Rosenmontag! Aber wer läuft schon gerne außer an Karneval halbblind als Pirat durchs Dorf. Eine Brille für das schielende Kind musste her. Auweia! Von meinen Mitschülern gehänselt und „Brillenschlange“ gerufen zu werden? Nein danke! Die teure Brille landete wie die blöde Augenklappe im Rhein.
Ob es im Rhein auch einäugige Fische gibt, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass Mutter Natur vorgesorgt hat, um auch mit einem Auge in 3D-Qualität sehen und Fußball spielen zu können. Und sie hat mich auch vor dem Militärdienst bewahrt. Als einäugiger Fisch wurde ich nach gründlicher Musterung vom Grundwehrdienst befreit. Danach schielte ich auch nicht mehr – außer bei feinmotorischen Arbeiten und nach drei Flaschen naturtrübem Hefeweizen. Nur beim Autofahren musste ich eine Schutzbrille tragen.
Mutter Natur kann aber nicht verhindern, dass das Sehvermögen mit dem Alter nachlässt. Und nachdem ich nur noch die Welt wie durch einen Schleier sah und vermehrt auf Blendungen aller Art empfindlich reagierte, suchte ich – zum ersten Mal wieder seit meiner Kindheit – einen Augenarzt auf. Die Diagnose: Grauer Star, medizinisch: Katarakt. Ich dachte immer, Katarakt sei ein Wasserfall oder eine Stromschnelle. Was soll´s? Nach langem Zögern entschloss ich mich zur „Operation Linse“. – zuerst zum Test das linke Auge mit inzwischen nur noch 20 Prozent Sehstärke, vier Wochen später das „gesunde“ rechte Auge, dessen Stärke mit den Jahren drastisch von ehemals 130 Prozent auf knapp über 40 Prozent gesunken ist.

Heute stehe ich mit einem kleinen Frühstück und einem flauen Gefühl im Magen an der Rezeption der Augenklinik. Eine sympathische Dame am Empfang prüft Ausweis und Überweisung und weist mir den Weg zur Station Nummer Eins. Hier wird noch einmal mittels „berührungsfreier optischer Biometrie per Laser-Technik“ das Auge vermessen. Eine Prozedur, die länger dauert als die Operation selbst, das Ergebnis der Operation aber verbessern soll.
Nach dem anschließenden ärztlichen Aufklärungsgespräch begleitet mich eine freundliche Mitarbeiterin in den Ambulanzbereich. Nachdem ich in der Kabine meinen Oberkörper entblößt und meinen persönlichen Schmuck (Halskette, Ring) abgelegt und einen Operationskittel (oder war es ein Mantel…?) übergezogen habe, geht es direkt zur OP. Mein mulmiges Bauchgefühl ist längst verflogen. Ich bin nur noch neugierig.

Die Operation selbst ist kurz und schmerzlos. Ich liege – dank örtlicher Betäubung – entspannt auf dem OP-Tisch und bin erstaunt, ja sogar ein bisschen enttäuscht, dass die „Operation Linse“ schon nach einer Viertelstunde vorbei ist. Bei einer Tasse Kaffee und einem kleinen Kuchen-Snack denke ich nicht einmal mehr an den Augenverband. Da sind nur noch Erleichterung und Freude über meine Entscheidung. Mit dem Entlassungsbrief für meinen Augenarzt und einem nagelneuen Linsenpass in der Tasche steige ich bestens gelaunt wieder in das Taxi, das mich am Mittag abgeholt hat und jetzt – nur vier Stunden später – wieder nach Hause bringt.
Da ich von Natur aus zur Sorte der aktiven und neugierigen Fische gehöre, will und kann ich natürlich nicht wie empfohlen bis zum nächsten Tag auf das Abnehmen des Verbands warten. „Oh Schreck“ – ich sehe alles verzerrt und mich selbst im Spiegel doppelt. Das kenne ich nur zu gut aus meinen „alkoholischen Zeiten. Hätte ich mir die Informationen zur Katarakt-Operation vorher einmal angesehen, hätte ich gewusst, dass so etwas vorkommen kann und eine häufige Nachwirkung der örtlichen Betäubung ist. So aber bin ich zuerst einmal leicht irritiert, aber nicht wirklich schockiert. Na ja, warten wir einmal ab, wie es morgen aussieht. Ich gehe zum Kühlschrank, finde noch eine Flasche Kölsch, trinke einen Schluck auf mein Wohl, ziehe mich aus, lege mich ins Bett und schlafe im Vertrauen auf Gott und die moderne Augenheilkunde glücklich und zufrieden ein. In vier Wochen werde ich auch das andere Auge operieren lassen!
Vier Wochen später: Diesmal habe ich das Angebot der Klinik genutzt und die Nacht nach der Operation an meinem noch mit weniger als 30 Prozent „besser“ sehenden Auge in der Klinik verbracht. Ich schaue an diesem frühen Freitagmorgen aus dem Fenster eines Zimmers der Klinik und traue meinen Augen – besser gesagt, meinen Linsen – nicht. Der hellblaue Himmel, die schneeweißen Wolken, die leuchtend gelben, roten und braunen Blätter der Bäume im Herbst – es ist eine Farbenpracht, die ich in dieser Stärke, soweit ich mich erinnern kann, noch nie zuvor erlebt habe. Und ich kann plötzlich die Schriftzüge auf den vorbeifahrenden Bussen und sogar die Kennzeichen der wartenden Taxis lesen. Ein kleines Wunder!
Jesus gab Blinden das Augenlicht zurück, öffnete Tauben die Ohren und half Lahmen auf die Beine. In der Augenklinik hat mir ein bestens eingespieltes Team von Menschen eine neue Lebensqualität geschenkt.

AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.