Der „Ein-Euro-Einkauf“
Hähnchen Sweet Chili mit Paprika und Mais, Drillinge aus Frankreich, zarte Hähnchenleber mit Zwiebel, Bayerischer Leberkäse, Makkaroni in Kürbis, Sahnesauce mit Gouda – nein. Ich sitze nicht in einem Drei-Sterne-Restaurant und studiere auch keine Speisekarte. Ich stehe in meiner kleinen Kochküche und sichte den Inhalt meiner bis zum Rand vollgepackten Tragetaschen. Und der bietet eine Überraschung nach der anderen. Darunter Dinge, die mir völlig unbekannt sind. Lebensmittel, die ich nicht einmal vom Hörensagen kenne, geschweige denn jemals getrunken oder gegessen habe.
Klar, Müller Milchreis kenne ich aus der TV-Werbung. Aber von Walter Popp´s Gurkensalat in Joghurtdressing habe ich vorher noch nie etwas gehört oder gesehen. Genau so wenig wie von Lactosefreier Buttermilch. Oder dass es verzehrfertige Kokosnuss-Stücke gibt, die extra für mich geknackt sind – möglicherweise von Elefanten am Fuße der Himalaya-Region. Von dort kommt nämlich der hochwertige, handgeerntete und sorgfältig polierte Basmati Reis mit dem extra langen Korn.
Neben den eineinhalb Kilo Reis aus Indien und dem Kilo kleiner Kartoffel aus Frankreich kommen auch noch jede Menge Produkte aus der Region zum Vorschein: Gurken, Salat mit Wurzeln und Radieschen so wie Obst und Gemüse. Keine Gammelware oder welkes Zeug, sondern ähnlich frisch wie im benachbarten Supermarkt und ebenso lange haltbar.
Jetzt packe ich noch 25 Beutel Früchtetee mit Waldbeeren-Geschmack, eine Tafel „Weiße Schokolade Knisterzucker & Himbeere“ und eine Tube antibakterielle Hygiene Handseife aus. Na, ist denn schon Weihnachten? Noch nicht. Es ist September und es ist das Ergebnis meines zweiten „Ein-Euro-Einkaufs“ bei der Tafel Linz. nachdem ich mir im Vormonat die Berechtigung besorgt habe.
Die Idee wurde meinerseits nach langer Skepsis eher aus Neugier als aus Not oder Hunger geboren. Werde ich es wagen zur „Tafel“ zu gehen? Werde ich mich schämen, erkannt zu werden? Werde ich wie ein „Penner“ vorkommen? Schließlich wollte ich es genau wissen.
So reihte ich mich vor drei Wochen zum ersten Mal in die Schlange der wartenden Tafel-Kunden in der Brunnengasse ein. Und alles war anders als ich es erwartet hatte. Da standen Jung und Alt, Männer und Frauen, Deutsche und Ausländer friedlich neben- und hintereinander. Es wurde weder geschoben noch gedrängelt. Die Stimmung war gelöst. Es wurde geschwatzt, gescherzt, gelacht. Und keine Spur von Scham oder gefühlter Armut.
Im Ausgaberaum empfing mich lächelnd ein älterer Herr, der auf dem Bildschirm meine Berechtigung prüfte und die Nummer meines Warenkorbs heraussuchte. Nachdem ich einen Obolus von einem Euro entrichtet hatte, packten freundliche ehrenamtliche Helferinnen und Helfer des gemeinnützigen Vereins die mir zugeteilten Lebensmittel und Waren in meine großen Tragetaschen. Einfach so! Einfach super!
Ja, ich werde auch weiterhin zur Tafel gehen. Ich werde wieder vor dem Eingang anstehen, mich bedienen und bedienen lassen. Und ich werde auch wieder zwei schwere Taschen durch die Stadt schleppen, selbst wenn ich immer noch keine Himbeer-Schokolade mag und lieber Weizenbier als Waldbeeren-Tee trinke.
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR