Das Wembley Tor
Fußball-WM 1966: Deutschland steht im Finale und verliert gegen England. Ich stehe auf der Tribüne des Londoner Wembley Stadion und erlebe einen historischen Moment der Fußballgeschichte.

Nachdem ich – um einer Haftstrafe wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ zu entgehen – Hals über Kopf aus Deutschland auf die Insel geflüchtet war, zuerst ein paar Tage an der Südküste verbracht hatte, dann auf der Isle of Wight als Bingo-Assistent und beim FC Bournemouth als Torwart mein Glück versucht hatte, lebte ich jetzt in einer Kellerwohnung in Chelsea und verdiente meine Brötchen als Aushilfskraft in einem kleinen Reisebüro in Nähe des Trafalgar Square.
Natürlich wollte ich mir die Gelegenheit, die WM im Mutterland des Fußballs live zu erleben, nicht entgehen lassen. Und so fuhr ich vier Tage vor dem Endspiel auf gut Glück mit der Londoner U-Bahn raus nach Wembley und ergatterte auf dem Schwarzmarkt vor dem Stadion eine Stehplatzkarte für das Halbfinale England-Portugal. Leider eine Fälschung, wie sich herausstellte.
Pech gehabt? Nein, eher einmal mehr Glück im Unglück. Vom Sieg der Engländer über Portugal habe ich nicht viel gesehen, dafür aber das ganze Drama des WM-Endspiels als Tribünengast hautnah miterlebt – als Gast der freundlichen Police und Detectiv Constables, die mich Tage zuvor am Stadion-Eingang in Empfang genommen hatten. Ich hatte ihnen geholfen, den Schwarzhändler vor dem Stadion ausfindig und dingfest zu machen.
Es ist der 30 Juli, kurz nach 17. 00 Uhr Ortszeit. In der Verlängerung der Partie schießt Geoff Hurst aufs deutsche Tor, der Ball prallt gegen die Unterkante der Latte, von dort auf die Torlinie und wieder zurück ins Spiel. Drin oder nicht drin? Der Schiedsrichter entscheidet zuerst auf Eckball und dann nach Rücksprache mit dem Linienrichter auf Tor.
Ich weiß nicht, ob der Mann an der Linie aus vierzig Meter Entfernung sehen konnte, dass der Ball die Torlinie überschritten hatte. Ich weiß nur, dass damals echtes Leder an echtes Holz prallte. Heute ist der Ball aus Kunststoff und es gibt den Videobeweis.
AUS DEM LEBEN EINES FISCHES… MOMENTE UND MEHR
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